Depression ist multifaktoriell: Netflix-Kinder sind eher gefährdet

Diana Vrbic/ August 19, 2019

Früher war der Vergleich mit seinen Gleichaltrigen noch ganz banal und analog. In der Klasse oder Schule gab es die Skater, die Hippies, die HipHop’er, denen man einfach nacheifern konnte und sich glücklich schätzte, wenn sie einen ansahen oder man Teil dieser Gruppe wurde.

Nun ist es anders. Die sog. “Peergroup” der Jugendlichen der sie sich zugehörig fühlen, bewegen sich heute in den Weiten des Netzes. Aus den zwei Stars oder fünf coolen Leuten an der Schule sind plötzlich hunderte geworden. Dies erhöht massiv den Druck auf das eigene Ego. Erreichst du keine Likes, bekommst du innerhalb deiner Gruppe keine Anerkennung. Der soziale Vergleich im Netz ist unendlich und unüberschaubar geworden und der Einzelne kann sie realistisch gar nicht erreichen.

Das Fachjournal JAMA (Journal of the American Medical Association) veröffentliche kürzlich eine Studie (Untersuchungszeitraum 2012-2018) mit über 3.800 Heranwachsenden im Alter von durchschnittlich 12 Jahren (7. Klasse), die die Frühsymptome von psychischen Befindlichkeiten untersuchte. Einzelne Komponenten wie die Nutzung von sozialen Medien, Gaming, Fernsehen etc. wurden u.a. mit einbezogen.

Im Endergebnis wird u.a. beschrieben, dass die Nutzung von sozialen Medien und das Vertiefen in Streamingdiensten wie Netflix oder Amazon Prime Video mit einem erhöhten Risiko für die Ausbildung von Depressionen assoziiert wird. 

Neben Faktoren wie dem Vermeidungsverhalten (Kinder und Jugendliche haben heute deutlich weniger soziale Kontakt im realen Leben als wie vor 10 bzw. 15 Jahren) erklärt sich der Zusammenhang mit einem sog. sozialen Aufwärtsvergleich, indem sich die User mehr und mehr mit virtuellen Freunden vergleichen und diesem Vergleich nicht standhalten kann. Folglich erleben die Kinder und Jugendlichen Frustration, ein vermindertes Selbstwertgefühl und Isolation. Einsamkeit, Traurigkeit oder Hoffnungslosigkeit spiegeln weitere Indizien. Diese Komponenten können längerfristig zu einer Depression führen und in einer Art Abwärtsspirale enden.

Eine Depression ist ein multifaktorielles Geschehen. Familiäre Komponenten, Auslösermomente wie Unfälle, Krankheiten, Tod eines Familienmitglieds oder ein Umzug mit den damit verbundenen Veränderungen, und die sog. Resilienz, d.h. die Fähigkeit mit Schicksalsschlägen fertig zu werden, beeinflusst das Ausbrechen einer Depression im hohen Maße.

Das Nutzen von Soziale Netzwerke wie Facebook ist demnach nur einer von vielen Faktoren, die das psychische Befinden steuern. Nichtsdestotrotz ist es für Kinder und Jugendliche viel schwieriger sich abzugrenzen und einen klaren Schnitt zwischen virtueller und realer Welt zu ziehen.

Wichtig wäre, die Verhältnisse ganz klar zu erklären und die Erfolge wieder im Analogen zu suchen: z.B. im Sport, in der Musik, im haptisch Kreativen. Zudem müssen Hassbotschaften im Netz angezeigt werden können und eine grundlegende Reglementierung dieser Nachrichten stattfinden. Denn auch persönlich diffamierende Äußerungen werden vom Leser so gewertet, als würde man von seinem Gegenüber direkt beleidigt werden.

Soziale Medien und Streamingdienste führen zwar nicht zwingend zu Depressionen, jedoch können das Risiko erhöhen. Eltern, Erziehungsberechtigte und Lehrer sind demnach gefordert, auf die psychische Folgen von sozialen Medien hinzuweisen und ggf. mehr mit Ihren Kindern darüber zu sprechen, so dass virtuelle Welten besser verstanden werden können.

Laut der Studie von JAMA ist jede Stunde bei Facebook und anderen Internet-Plattformen mit einem Anstieg depressiver Symptome verbunden. Diesen Hinweis können wir gerne als Anlass nehmen, Netflix oder Facebook so oft wie möglich zu entfliehen. Ganz im Sinne: Handy aus – Leben an!

Mehr Informationen zu diesem Thema unter:

https://www.apotheke-adhoc.de/nachrichten/detail/panorama/mehr-depressionen-durch-facebook-und-netflix-psychische-erkrankungen-bei-jugendlichen/

https://www.doccheck.com/de/detail/articles/22777-die-depression-der-netflix-kinder

Verfasser: Diana Vrbic, Gaertner Stiftung, München 2019

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