Digitalisierung als Mörder der Muße

Eka/ August 1, 2019/ Burnout, digitalisierung, Internetabhängigkeit, Internetsucht

Geschrieben von: Diana Vrbic

„Die Muße ist die Schwester der Freiheit“, sagte Aristoteles einst. Heutzutage ist der Begriff in Vergessenheit geraten und das passende Gefühl dazu sowieso. Und wer die Muße nicht kennt, wie können wir dann frei sein?

Zeitforscher Hartmut Rosa beschreibt es wie folgt: „Sieben Uhr früh: der erste Blick aufs Handy. Schnell die ersten Emails lesen und Facebook checken; lesen wie das Wetter wird; was sagen die Nachrichten? Alle Infos auf einem kleinen Bildschirm- schnell und kompakt. In der Bahn rund um mich stumme Menschen mit gesenktem Kopf. Im Büro wartet dann ein größerer Bildschirm auf mich, den ich für die nächsten neun Stunden anstarren werde. Abends gucke ich mir einen Film an und telefoniere dabei noch ein bisschen”.

Der Mensch mit dem gesenkten Blick und der Bildschirm als “Monokanal zur Welt“, so charakterisiert Hartmut Rosa die Moderne Gesellschaft. Er stellt fest, „der Mensch ist fixiert auf den Bildschirm und es bleiben nur noch wenige Orte für eine wirkliche Begegnung“.  Die sog. „Smombies“ – eine Mischung aus Smartphone und Zombie- kommen uns täglich und überall entgegen. Sich in die Augen schauen, sich gegenseitig Aufmerksamkeit und Zeit schenken, tut schon lange niemand mehr.

Muße hat nichts mit faul sein oder sich gehen lassen zu tun. Es kann mit dem Gefühl, etwas geschafft zu haben und seinen verdienten Feierabend zu genießen, verglichen werden. Leider verhindert die Vermischung von Privat- und Berufsleben diesen Zustand meistens. Wir haben das Gefühl nie fertig zu werden, weil immer noch Emails eintrudeln und unterbewusst wir immer weiter angetrieben werden, ständig irgendetwas tun zu müssen.

Aber wie schaffen wir einen klareren Schnitt zwischen Arbeit und Privat? Wie können wir der Digitalisierung entgegen wirken? Wie bekommen wir wieder Mut zur Langeweile, Mut zum Nichts Tun und somit Mut und Raum für Muße?

Unser Wirtschaftssystem beruht nun mal auf Wachstum durch Beschleunigung und Effizienz. Unsere kleinen „Fake-Mußen“ – das Wochenend-Yoga-Retreat, Digital-Detox-Zeiten, Intervallfasten, Fitness-Abos und Super Foods – bringen nur beschränkt den erwünschten Erfolg. Wir vergessen, dass unser Körper die Möglichkeiten und Grenzen bereits vorgegeben hat. Laut Rosa „entstehen Krankheiten wie Burnout und Boreout nicht durch zu viel Arbeit, sondern durch eine Art Sysyphos-Dauerzustand, der am Ende in einem rasenden Stillstand endet“.

Wir werden also nie schnell genug sein, weil unser Körper und unser Hirn immer noch das alte ist und so nicht funktioniert. “Unser Körper stellt ein Hindernis für die Technisierung der Gesellschaft dar”, sagt Rosa. Wir versuchen zwar durch Optimierung unserer Zeit, durch intensiven Sport und eine gezielte Ernährung mitzuhalten, aber am Ende ist der Mensch nur aus Fleisch und Blut

Die ursprüngliche Bedeutung des Wortes Muße ist “Gelegenheit, Möglichkeit”, nach dem altdeutschen Wort “muoza” (siehe Quelle 1). Als in der Antike von schöpferischer Muße gesprochen wurde – die der mühevollen Arbeit der einfachen Menschen gegenüber stand – hatte die Bedeutung des Wortes einen Zustand beschrieben, den man heute mit Ruhe, Schule/Studium, Verzögerung und Langsamkeit gleichsetzen würde. In jeder Kultur gibt es dafür auch verschiedene Umschreibungen. Die Italiener sagen einfach: ” Il dolce far niente” – das süße Nichtstun. Das umschreibt es meiner Meinung nach am besten.

Der Müßiggang, das Aufsuchen der Muße, beschreibt ein entspanntes und von Pflichten freies Ausleben. Es dient allerdings nicht der Erholung von Stresssituationen oder von körperlicher Belastung. In der Antike wurde das Fehlen der Muße als ein Attribut der Sklavenarbeit gesehen. In Anbetracht dessen, sollten wir der Muße wieder mehr Gewicht und Anerkennung schenken, denke ich. Mit “sich treiben lassen” formuliere ich meine ganz persönliche Muße und gehe dem nach, so oft wie möglich.

Waterhouse, John William; Dolce far niente; Fife Council; http://www.artuk.org/artworks/dolce-far-niente-125053

Verfasser: Diana Vrbic, Gaertner Stiftung, München 2019

Ausführliche Artikel zu diesem Thema finden sie unter: https://www.netzpiloten.de/hartmut-rosa-uber-die-digitale-beschleunigung-der-gesellschaft/

oder

https://www.qiio.de/von-der-musse-als-muse

Über den Autor Hartmut Rosa: Hartmut Rosa ist ein deutscher Soziologe und Politikwissenschaftler und lehrt an der Friedrich-Schiller-Universität in Jena. Er ist u.a. Herausgeber der Fachzeitschriften „Time & Society“ und des „Berliner Journals für Soziologie“. Seine Arbeits- und Forschungsgebiet umfasst Zeitdiagnosen und Moderneanalysen, Normative und empirische Grundlagen der Gesellschaftskritik, Subjekt- und Identitätstheorien, Zeitsoziologie und Beschleunigungstheorie sowie Soziologie der Weltbeziehung. Harmut Rosa ist u.a. als Zeitforscher bekannt und beschäftigt sich mit den u.a. mit den Auswirkungen der Digitalisierung auf unsere Zeit und die damit zusammenhängende Beschleunigung als Grundprinzip der Modernen Gesellschaft.

1) Elmar Seebold, Friedrich Kluge [Begr.]: Kluge – etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache. 25. Auflage. De Gruyter, Berlin; Boston, Mass. 2011

 

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