Briefwechsel mit meinem Vater und seiner Furcht vor der Digitalen Zukunft

Julian Gaertner/ July 8, 2019

Die Kilian Gaertner Stiftung ist 2010 mit dem Ziel entstanden, die „Chancen und Risiken“ der Digitalisierung zu hinterfragen. Damals konnte ich die Bedenken meines Vaters nur bedingt teilen. Heute, fast 10 Jahre später, sind mir die Chancen und Risiken um einiges bewusster geworden, und so habe ich mir zur Aufgabe gemacht die sog. “Altherren-Argumente” meines Vaters auf mein eigenes Leben, die Technik und Trends meiner Generation zu beziehen. Was ich fand, war durchaus erstaunlich und auch, wenn wir heute schon anfangen darüber nachzudenken, scheinen die Risiken ja erst mal nicht lebensbedrohlich. Erst die Diskussionen mit meinem Vater, und meine Erfahrungen in dem Sektor haben mir einen neuen Blickwinkel aufgeworfen.

Risiken und Chancen der Digitalisierung

Klar ist, die Erfindung der Digitalen Technik bringt ähnlich, wie die Erfindung des Buchdrucks, eine grundlegende Veränderung der vorherrschenden Kultur und Lebenswelten mit sich. Für meine Generation ist die permanente Verbindung zum Internet in allen Lebenslagen der Normalzustand geworden. „Online zu sein“ ist für meine Generation sozusagen ein Grundbedürfnis geworden. So wird das heute von dem Großteil der Jugendlichen und jungen Erwachsenen der Internetzugang als „lebensnotwendig“ erachtet. (Jugendstudie Generation Netzwerk) 

Ein Verständnis darüber, dass jedoch diese Veränderung ganz neue Ansprüche an Gesundheit, Sozialverhalten und Kultur also damit unsere Sensorik (einen sog. Sinneswandel) mit sich bringt , war mir so noch nicht klar gewesen.

Ich selbst habe zuerst nur die Chancen der Digitalisierung gesehen und 2012 ein Soziales Netzwerk für Spracherwerb in China aufgebaut. Eine klassische Start-Up Geschichte, Arbeit 24/7, Investoren-Haie, Achterbahnfahrten mit Kollegen und Co-Foundern und am Ende ein “Exit”, also einen Verkauf an einen Konkurrenten. Erst in diesem Prozess habe ich feststellen können, wie weit die Entwicklung eines “Mass-User” Produktes voran geschritten ist. Produkte müssen sich ständig verändern, um die Nutzer möglichst lange, emotional und unterbewusst an das Produkt zu binden. “Stickyness” bzw. Suchtelemente werden in den Apps konsequent verfeinert. Jedoch entwickelt sich auch unser limbisches System. Wo am Anfang noch kurze Textnachrichten genügten, kamen Bilder und Videos und Algorithmen hinzu, die versuchen uns immer “realer” oder emotionaler an die Online-Welt zu binden. Es geht mir jedoch nicht darum, wie viel jemand Instagram benutzt, oder wie sich dieser Wandel auf den Einzelnen auswirkt, sondern wie sich unser Leben im Allgemeinen durch diese neuen Technologien verändert hat, ob ich es will oder nicht.

Soziale Netzwerke im Wettbewerb um deine Zeit

Was ist es also das uns ständig dazu drängt Online zu sein? 

In dem Artikel “Digitaler Wandel als Gesellschaftssituation”, bezieht sich mein Vater besonders auf den Verlust der Natur und die Realitätsverbundenheit, der unser natürliches „Umkreisbewusstsein“ verändert. In anderen Worten wird heute unser körperliches „Ich“ , unsere Psyche auf mein virtuelles Profil ausgeweitet und erlebt dadurch neue Anforderungen an die Existenzbestätigung also unseren Überlebensinstinkt. Blöd gesagt, wo es in Urzeiten darum ging meine Sinne zu schärfen um Essen zu finden und mich kein Löwe aus dem Hinterhalt anfällt, schützen und pflegen wir heute unser virtuelles Profil. Bestätigungen wie „Likes“, Followers, eine Email, etc. werden daher leicht als „lebensnotwendig“ verwechselt und setzen im Gegenzug Endorphine frei. Professionell wie persönlich sind wir immer mehr von unsere Online Bewertung abhängig.

Dieses Suchtverhalten löst jedoch einen schleichenden Umbruch auf gesellschaftlicher Ebene aus. Mein Vater sieht vor allem die Grundlagen des binären Denkens des Computers – also 0 und 1- (richtig und falsch, gut und schlecht) im Kontext eines globalen Netzwerkes (Das Internet) dafür verantwortlich, eine öffentlich, oft auf fälschlichen Tatsachen basierendes Vergleichs- und Polarisierungsverhalten zu erzeugen. Aus der verfälschten Online-Welt entsteht oft eine Erwartungshaltung an mich selbst, die ich in echt nie befriedigen kann. Ein Beispiel: “Influencer” oder “Key Opinion Leaders” mit Millionen von „Followern“ inszenieren einen Lebensstil der alles andere als real ist.

Influencer und KOLs

Eine Traumwelt #nofilter

Auch ich habe schwer damit zu kämpfen, nicht überall und alles sein zu wollen und meinen Selbstwert authentisch und ganz mit mir selbst auszumachen.

Hinzu kommt, dass viele unserer realitätsbezogenen Sinne erlahmen. Es gibt keine wilden Löwen und wir sitzen einen Großteil unseres Tages vor einem Computer. So führt die Beteiligung an unserem Online-Leben nicht nur zu einer chronischen Unbefriedigung, sondern offenbart uns letztlich als ganz allein. Neid, Wut, Nervosität usw. wird ein unterdrückter Grundzustand und “Ich bin mir nicht gut genug” ein Unterton im Dialog mit mir selbst.

Der Versuch unser körperlich-seelisches Leiden mit der Grenzenlosigkeit der virtuellen Welt zu kompensieren, endet also nicht nur mit Folgen für das Individuum, sondern auch für unsere Gesellschaft.

Was heißt es also in der Zukunft gesund zu sein?

Die WHO schlägt vor, dass “Gesundheit” ein Zustand vollkommenen körperlichen, geistigen und sozialen Wohlbefindens ist und nicht allein das Fehlen von Krankheit und Gebrechen.“ Demnach sind wir wohl alle kränklich. Jedoch sollten wir uns der Tendenz bewusst sein, dass wir Krankheit und Gebrechen immer besser heilen können, uns jedoch Lösungen für unser geistig und soziales Wohlbefinden fehlen.

Was der stetig steigende Internet-Konsum und die damit verbundene erhöhte Strahlen- und Blaulichtbelastung mit uns macht, bleibt mir ein großes Fragezeichen. Mir ist jedoch auch klar, dass ich mein Kopf nicht in die Mikrowelle stecken soll. Einschlafen mit dem Handy, oder zur “Ablenkung” mal kurz zocken war für mich auch noch nie ein Problem. Aber ich merke schon wie das fliehen in den “Drift-Zustand” der immer machtvolleren digitalen Erlebnisse, eine Möglichkeit ist, dem ständig steigenden Erfolgsdruck für eine Zeit zu entkommen. Auf echte Erholung verzichte ich dann, weil mir die Zeit fehlt.

Dieser “Sinneswandel” ist wohl ein Teil unserer Entwicklungsgeschichte und vielleicht auch gar nicht so schlimm, wenn ich mich auf den Lorbeeren meines Schaffens ausruhen kann, zum körperlichen Ausgleich in die GYM gehe und zur Not auch mal in die virtuelle Traumwelt per Konsole verschwinde.

Was also ist dann das Problem?

Aus meiner Sicht sind wir in Sachen Digitalisierung nur in der Anfangsphase. Der Erste in meiner Klasse hatte noch ein Handy mit ausziehbarer Antenne und nur einer Funktion. Ich habe damit einen Vergleichswert. Was ich damit sagen will ist, dass die klaren Verlierer der digitalen Revolution heute die digitalen Junkies sind, die so oder so keine Chance hätten, aber vielleicht schon morgen eine ganze Generation, die mit der Erfindung des Smartphones aufwächst und nie etwas anderes kennen lernen durfte. Auch die Erwartungen an unsere Digitale Zukunft beschleunigt sich ständig.

Der Internet Konsum bei Kindern unter 18 Jahren ist in den letzten 10 Jahren rasant angestiegen. Durchschnittlich ist schon jeder 14-29-Jährige knapp 6 Stunden am Tag online und zwischen 2017 und 2018 kamen im Schnitt ca. 79 Min. pro Tag hinzu. Immer mehr davon auf Social Media. Es ist eher unwahrscheinlich, dass sich dieser Trend revidiert.

14 Jährige und die Steigerung der Online Nutzung – Online Studie ARD ZDF

Der Mensch wird sich im Laufe der Digitalisierung sicherlich Schritt für Schritt anpassen. Echt Erlebtes hat im Vergleich zur Simulation viel mehr Dimensionen, ist komplexer und unkontrollierbar. Die Simulation hat den Vorteil das alles möglich scheint und sich unser echtes Leben im Vergleich immer langweiliger anfühlt. Solange der Sinn des Lebens Spaß ist, scheint dies eine echte Option! Mir scheint es also nicht für unwahrscheinlich, dass der Mensch in Zukunft in einer Art Matrix leben wird, unverwechselbar von Realität. Einfach nur weil unsere Welt zu “langweilig” und einschränkend ist.

So wie ich meinen Vater verstanden habe, ist jedoch der Verlust unseres “Herzdenkens” oder “Ich-Sinns”, also die Fähigkeit, einen anderen Menschen, wie mich selbst zu empfinden, ihn aus der Gesamterscheinung und Anwesenheit, seiner Gedanken, Taten und Bewegungen zu empfinden, sein Wesen wahrzunehmen und zu akzeptieren, kurz Empathie zu haben, der größte Verlust und Gefahr der digitalen Zukunft.

Dieser zwischenmenschliche Kontakt findet heute immer öfter virtuell statt. Wir scheuen den echten und unbescholtenen Kontakt mit jemandem, da auch hier die Digitalisierung viele Vorteile zu bringen scheint. Big Data und „Maschine Learning“ sind Ersatz für Bauchgefühl und Toleranz. Ein Beispiel dieses Phänomens ist die Partnersuche. Heute treffen sich auf Tinder täglich schon über 29 Mio. Menschen weltweit. Entscheidungen werden anhand von Foto und Chat getroffen und so entstehen ganz neue Fähigkeiten einen Menschen zu beurteilen.

Mir scheint es, dass zwischenmenschliche Kontakte heute eher taktisch ablaufen. Echte Motive sind versteckt und Vorteile werden “ausgehebelt” anstatt gegeben. Umso seltener versetze ich mich in die Lage eines Anderen und lerne dessen „Probleme“ und Unvollkommenheit zu akzeptieren. Zu reizend scheint die Möglichkeit eines “Besseren” irgendwo da draußen. Also ziehe ich weiter. Es ist, als müssten wir bald eine Art „Trump Politik“ fahren, um im sozialen und gesellschaftlichen Klima zu überleben. In der Verausgabung dieser “ewigen Suche” weicht der Vorteil der Gemeinschaft meinen eigenen Interessen. Aber wie sieht die Welt dann aus?

Diese Frage versuche ich besser nicht zu beantworten. In den Gesprächen mit meinem Vater, hatte er bereits vor 10 Jahren von einem Sog gesprochen, der uns, entkoppelt durch das Denken der Digitalisierung, zu unsensiblen Einzelkämpfern macht.

Können wir überhaupt was tun? 

Vielleicht schaffen wir es ja wirklich, uns von unseren Körpern zu lösen und eine perfekte und aufregende virtuelle Welt zu gestalten, von der wir gar nichts wissen.

Ein Traum wird war in VR Photo neil-bates-

Für meinen Vater scheint dies keine Option. Wir sind mit unseren Körpern verbunden und aktuell führt der Weg der Digitalisierung für viele zur Vereinsamung mit all den damit verbundenen Leiden. Hetze, Ausgrenzung und Krieg werden dadurch nur wahrscheinlicher. Die Risiken der Digitalisierung müssen also genauso untersucht und reguliert werden, wie die Risiken der Industriellen Revolution. Um diesem Trend entgegen wirken zu können, muss man wohl auf 3 Ebenen ansetzen.

Die Förderung der Gesundheit:

Hier ist neben nachhaltiger Gesundheitsförderung besonders die Förderung unsere realitätsbezogenen Sinne gemeint. Die Stiftung betreibt die HNO Klinik Dr. Gaertner und will neben Ihrem Streben zur Behandlung von Krankheit, ihr Spektrum zusätzlich auf die Behandlung von psychosomatischen Erkrankungen erweitern. So kann akut an der Lösung von dem ständig steigendem Bedarf psychologischer Erkrankungen einzelnen Menschen direkt geholfen werden und neue Behandlungsmöglichkeiten entwickelt werden. Wichtig ist, dass die Behandlung dieser modernen, geistig-seelischer Leiden auch unter dem Kontext der Digitalisierung betrachtet wird.

  • Ausbau der psychosomatischen Behandlungskapazitäten, auch unter dem Gesichtspunkt des Sinneswandels/Digitalisierung
  • Förderung von integrativer Gesundheit, indem man die Patienten auch in ihrem Sozialverhalten und der kulturellen Beteiligung betrachtet und dafür die Nötigen Ressourcen hat.
  • Sinnesschulung und Sinneserlebnisse, indem man dem Patienten Möglichkeiten gibt sich selbst zu erleben und zu sensibilisieren
  • Übungen und Kurse zur Entwicklung einer Struktur oder Gemeinschaft aufbauen die Anhaltspunkte für gesunde Lebensweisen in Zeiten der Digitalisierung geben
  • Verständnis in Politik und Ärzteschaft zu dem Thema fordern und Diskussionen zu Lösungsansätzen anregen

Die Förderung von Kultur:

Auf kultureller Ebene müssen wir das Problem erkennen, um Kräfte und Initiativen ins Leben zu rufen, die diese kulturelle Veränderung durch den Sinneswandel mitgestalten. Wichtig ist hier vor allem die Förderung von kreativen Fähigkeiten und die gesellschaftliche Öffnung zum authentischen Ausdruck. Die Förderung des “Ichs”.

  • Gewohnheiten und Sozialverhalten fördern, die wir in dem Zusammenhang als wichtig  und erhaltenswert empfinden. Ich selber denke hier an Handarbeit, das Jagen, Pflanzen, Malen oder Singen
  • Aktivitäten, die besonders den Sinneskomplex für die Körperbeherrschung und auch des „Herzdenkens“ anregen. Ich selbst kann nur meine Freude und Befriedigung mitteilen, die ich im Zweikampf im Jiu-Jitsu erlebe. Allein der Geisteszustand völliger Konzentration auf meinen Gegner ist wie ein Tanz und hat für mich unglaubliche Kraft von Regeneration und Respekt für mein Umfeld
  • Erziehung und Schulbildung. Wir müssen früh anfangen, Kinder den richtigen Umgang mit dem Internet nahe zu bringen, damit sie die Möglichkeit haben, ihre eignen Fähigkeiten kennen zu lernen und kompetent im echten Leben zu stehen und Entscheidungen zu treffen. Die anthroposophische Heilpädagogik fördert zum Beispiel sehr vielseitig Selbsterlebnisse wie Theater, Handwerksunterricht oder das Arbeiten auf einem Bauernhof
  • Wir sollten lernen über Konsequenzen unseres digitalen Überkonsums zu berichten

Die Förderung des Sozialen:

Hier ist vor allem der Bezug zum „Anderen“ gemeint. Jemand der sich nicht verstellen muss und nicht in einem ständigen Vergleich zu unrealistischen Erwartungen steht, kann ohne Angst geben und „verlieren“. Wir müssen daher gleichzeitig Ideen finden die Gastfreundschaft oder Nächstenliebe, also Empathie, zu fördern.

  • Durch die Arbeit der Kulturstation versucht die Stiftung gemeinsame Kulturveranstaltungen, Diskussionen, eine Gesprächskultur, den Dialog und Austausch sowie Unterstützung zu dem Thema des Sinneswandels zu betreiben
  • Gegenseitiges Zuhören sollte wieder erlernt werden, so dass wir hören was jemand sagt und nicht nur hören was wir selbst über jemanden sagen
  • Hier entstand auch die Idee eines Förderkreises, also einer Gemeinschaft von Experten, die frei und unvoreingenommen sich gegenseitig unterstützen
  • Soziales Engagement, also Eintauchen in die echten Gegebenheiten Anderer, indem man selbst Hand anlegt und sich dafür aufgibt die Probleme eines anderen zu lösen; Hier betreibt die Stiftung eine Beratungsstelle für Menschen mit Medienabhängigkeit und deren Fragen.

Zusammenfassend stellt die Beschleunigung und Veränderung unsere Sinne durch die Digitalisierung neue Anforderungen an die Existenzbestätigung, also das Überleben eines jeden Einzelnen. In der Unendlichkeit der Möglichkeiten des Internets trägt vor allem das Vergleichsverhalten dazu bei, unrealisierbaren Erwartungen an mich selbst zu stellen. Wir müssen Ansätze in der Gesundheit, dem Sozialen und der Kultur neu denken, um den Herausforderungen der Zukunft, besonders dem geistigen Leiden, entgegen wirken zu können.

Diese Art von Briefwechsel hat mir geholfen, bestimmte Phänomene meiner Generation im Kontext zur Digitalisierung zu sehen und dadurch besser verstehen zu können. Gleichzeitig ist es aber auch eine Einladung zur Beteiligung an der Diskussion, um Lösungsansätze für unsere Zukunft mitzugestalten.

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