Spendenprojekt Lesbos: HNO Ärztin Dr. med. Gaertner im Einsatz im Geflüchteten-Lager auf Lesbos – Ein Erfahrungsbericht

Diana Vrbic/ Juli 5, 2021/ HNO, KulturStation, SinnesWandel, Soziales, Zukunft

Spendenprojekt Lesbos 8

Förder- und Spendenprojekt Lesbos: 15. Mai bis 5. Juni 2021

Ein Erfahrungsbericht von HNO-Ärztin Dr. med. Laura Gaertner im Einsatz im Geflüchteten-Lager auf Lesbos

„Zu Beginn meiner Arbeit im Camp Kara Tepe war ich erstaunt über die Verhältnisse und schätzte diese als weniger prekär als erwartet ein. Auch die Erkrankungen/Symptome der Patienten hielt ich zunächst für eher leichtgradig. Erst nach einigen Tagen realisierte ich die Tatsache, dass wir uns in Europa befinden und dass ein Leben mit Kindern in einem Zelt, ohne fließendes Wasser, ohne Heizung, direkt am Meer, jeglichen Witterungsbedingungen schutzlos ausgeliefert zu sein, keinesfalls tolerabel sein kann, insbesondere, da die Familien meist bereits seit mehreren Jahren in diesen Verhältnissen leben.

Sie wurden mehrfach umgesiedelt und haben zuvor die unvorstellbaren Strapazen der Flucht hinter sich gebracht um nun über viele Monate ohne Anspruch auf Grundrechte in einem Camp, in welchem Vergewaltigungen und Gewalt an der Tagesordnung sind und von der Polizei toleriert werden, gefangen zu sein. Das Camp Kara Tepe 2 befindet sich direkt am Meer auf steinernem Boden und wurde notdürftig angeblich übergangsweise errichtet. Die Betonmauern um das Camp und der Buschfunk versichern jedoch, dass es sich hierbei keinesfalls um eine Übergangslösung handelt. Da das Camp auf Militärgelände erbaut wurde ist das Fotografieren sowohl für Besucher als auch für Bewohner untersagt. Auch andere Grundrechte werden ausgesetzt: so erhielten die Kinder in den letzten Wochen keinen Schulunterricht und die Bewohner durften das Camp nur für 3 Stunden pro Woche verlassen. Die psychische Belastung der Wohnsituation und der Tatsache die Familie nicht beschützen zu können, die Ohnmacht über das eigene Schicksal sowie den Ausgang über einen Asylantrag, die Perspektivlosigkeit, ob der Bescheid wohl in 1 oder in 9 Monaten kommen würden sind für uns unvorstellbar.

Die psychische Belastung der Menschen im Geflüchteten-Lager auf Lesbos ist für uns (West-)Europäer unvorstellbar

Eine psychologische Betreuung wäre sicherlich unabdingbar, um den psychischen Schaden in irgendeiner Form zu lindern, dies ist aber selbstverständlich nicht einmal für einen Bruchteil der Kinder möglich. Somit war es für mich auch nicht weiter erstaunlich, dass der Besuch bei mir als Ärztin zu einer willkommenen Abwechslung im Camp gehörte und weniger mit schweren HNO-Beschwerden assoziiert war. Ich hatte das Gefühl, dass die Menschen das Gespräch suchten und war betroffen vom Ausdruck der Augen der Menschen, in welchen die Traumatisierungen und Hoffnungslosigkeit in vielen Fällen zu sehen waren.

Ich bewundere die Ideale und den Einsatz vieler Einzelpersonen und NGO auf Lesbos, dennoch scheinen mir die gesamtorganisatorischen Strukturen undurchsichtig und unstrukturiert. Dies ist der prägende Eindruck meiner Arbeit in Kara Tepe. Einerseits ist es ein Glück, dass beispielsweise die Verteilung der Bewohner auf die Zelte von NGO Euro Relief übernommen wurden, da andernfalls vermutlich eine zufällige Verteilung durch das Militär stattgefunden hätte. Auf der anderen Seite stellt sich die Frage, ob im Durchschnitt 20-jährige Volunteers, zudem viele Amish People mit konträren fundamentalen Einstellungen dieser Aufgabe gewachsen sind. Dieser Eindruck zieht sich über sämtliche Strukturen. Junge Menschen voller Ideale, jedoch ohne suffizientes organisatorisches Netz verwirklichen sich im Camp selbst, zum Teil ohne ausreichende Erfahrung oder Rücksicht auf andere Aspekte der Flüchtlinge oder anderer Organisationen. Keiner weiß vom Anderen und jeder führt seine Tätigkeiten in blindem Aktionismus aus. Kein Arzt konnte mir beispielsweise mitteilen, ob ein chirurgischer Kollege auf dem Feld tätig sei. Meine Anwesenheit wurde in mehreren Whatsapp-Gruppen geteilt und in der letzten Woche wusste die Triage weiterhin nicht, dass eine HNO-Ärztin vor Ort ist. In der Luft liegt zudem der Verdacht, dass die Metaebenen der NGO und Government-Organisationen in irgendeiner mafiösen Struktur organisiert sind, da teilweise absurde Vorgehensweisen oktroyiert werden (s. Schnelltest nur durch AEODY) und vollkommen undurchsichtig erscheinen.

Im medizinischen Bereich bedarf es meiner Meinung nach einer zentralen Organisation, welche die Fachgruppen und Patienten koordiniert und ebenfalls die Regierungsorganisationen mit einbezieht. Dies beinhaltet unter anderem auch die Einweisung in ein Krankenhaus, falls der Bedarf besteht. Zudem muss ein zentrales Dokumentationssystem geschaffen werden, da Doppeluntersuchungen sowie Doppeltherapien an der Tagesordnung sind. Eine medizinische Versorgung ist nur mit klaren, auch hierarchischen, Strukturen sinnvoll, da Entscheidungen einheitlich getroffen und eingehalten werden müssen. Die Ernennung eines „Interorganisatorischen“ Chefarztes ist daher sinnvoll. Eine zentrale Organisations- und Fallbesprechung mit allen Organisationen wäre wünschenswert. Eine medizinische Arbeit in den aktuell bestehenden Strukturen ist äußerst insuffizient und frustrierend für alle Beteiligten. In Teilen erfüllt diese Arbeit nicht einmal das Mindestmaß menschlicher Rechte, nämlich den Zugang zu einer adäquaten Medizin. Wie kann ein Berufsanfänger ärztliche Tätigkeiten ohne Supervision ausführen? Warum werden europäische Testkonzepte im Camp ausgesetzt? Auf welcher Grundlage wird der Zugang zu einer stationären medizinischen Versorgung für Mitbewohner im Camp verwehrt?

Ein Spendenprojekt für humanitäre Zwecke ist in jedem Fall sinnvoll und hilfreich für die Menschen vor Ort – nichtsdestotrotz ist das Gefühl der „Solidarität füreinander“ unersetzbar

Zu diesem Schluss kam jeder ärztliche Kollege mit dem ich sprach und eine Analogie gilt für sämtliche andere NGO.

Die Arbeit und die Ideale von MdM vor Ort sowie die Kollegen schätze ich sehr. Ich kritisiere allerdings die medizinische Tätigkeit der 26-jährigen Kollegin ohne Berufserfahrung, da sie keinen Ansprechpartner vor Ort besitzt. Auch hätte ich mir in Teilen eine bessere Organisation und vor allem Kommunikation erhofft, z.B. innerhalb des OV. Manche Dinge waren für mich nicht transparent und die Kollegen vor Ort bestätigten mir diesen Eindruck. Auf der anderen Seite habe ich Verständnis hierfür, da der Umzug von MdM in das neue Camp erst kurz vor meiner Ankunft erfolgte.

Nichtsdestotrotz soll an dieser Stelle hervorgehoben werden, dass es  sich um „Non-government-Organisationen“ handelt, welche auf Spenden und Freiwilligenbasis agieren, obgleich diese Aufgaben der Regierung und der EU obliegen, welche jedoch die Augen verschließt. Ohne diese NGO wäre die Situation in Kara Tepe zweifelsfrei unvorstellbar!“

Wir bedanken uns außerordentlich bei allen Unterstützern, die das Spendenprojekt Lesbos möglich gemacht haben  !!!

Die Ausstellung mit Fotodokumentation zum Spendenprojekt Lesbos in den Räumlichkeiten der Kilian Gaertner Stiftung ist für den Dezember 2021 geplant – Infos folgen auf www.gaertnerstiftung.de oder folgen Sie uns auf den Social Media Kanälen Instagram und Facebook

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Quelle :

Tagebuch Dr. med. Laura-Marie Gaertner, Email-Kontakt: l.gaertner@gaertnerklinik.de, Tel.: 089/ 99 89 02 -20 

Fotograf: Chris Schmid, Email-Kontakt: info@silberundsalz.com

Weitere Eindrücke der HNO-Ärztin Dr. med. Laura Gaertner über Ihren Einsatz auf Lesbos erhalten Sie hier.

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Kilian Gaertner Stiftung für Gesundheit, Soziales und Kultur

Possartstraße 33

81679 München

 

Ansprechpartner für Förderprojekte und Kooperationen: Frau Hannah Gebele

Email: info@gaertnerstiftung.de

Telefon: 089/ 99 89 02 -145

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